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Nahost‑Konflikt: Moderate Wachstumskorrekturen – aber keine Krise für die Weltwirtschaft

Finanzmarktkommentar von Dr. Björn Ohl und Dr. Stefan Schüder, Investmentstrategen der apoBank | 16.03.2026

Auf einen Blick

  • Die Dauer der Sperrung der Straße von Hormus bleibt der zentrale Risikofaktor für Ölpreise, Weltwirtschaft und Finanzmärkte
  • Der Krieg belastet die globale Konjunktur, jedoch drohen weder Rezession noch Stagflation
  • Trotz eines temporären Inflationsanstiegs erwarten wir keine starke Reaktion der Zentralbanken
  • Wir reduzieren Risiken in den Schwellenländern, bleiben langfristig aber positiv für die Region
  • Insgesamt erwarten wir kurzfristig höhere Volatilität, langfristig jedoch stabile Marktchancen

Wie geht es weiter mit dem Krieg im Nahen Osten?

Aus ökonomischer Sicht und mit Blick auf die Finanzmärkte dreht sich alles um die Frage, wie lange die Straße von Hormus noch gesperrt bleibt. In unserem Basis-Szenario, dem wir eine Wahrscheinlichkeit von 60 % zuschreiben, endet die Sperrung der Straße vor Hormus nicht vor April. In den Wochen bis zur Sicherung des Seewegs erwarten wir einen Ölpreis von knapp 100 US-Dollar, allerdings bei hoher Volatilität.

Das aus Investorensicht günstigere Upside-Szenario beinhaltet eine Öffnung der Straße von Hormus innerhalb weniger Tage und einen Rückgang des Ölpreises auf 70 US-Dollar. Wir messen diesem Szenario lediglich eine Wahrscheinlichkeit von 10 % bei.

Schließlich betrachten wir ein für Anleger negatives Szenario. Dieses Downside-Szenario, dessen Wahrscheinlichkeit wir auf 30 % setzen, umfasst eine mehrmonatige Sperrung der Straße von Hormus und einen Ölpreis, der deutlich über 120 US-Dollar springt.

Wie haben sich unsere Einschätzungen zum Wirtschaftswachstum geändert?

Seit Beginn des Kriegs in Nahost Ende Februar haben wir unsere Wachstumsprognosen für die meisten Volkswirtschaften moderat gesenkt. Die kriegsbedingten Wachstumseinbußen belaufen sich in unserem Basis-Szenario auf 0,3 Prozentpunkte für den Euroraum und 0,2 Prozentpunkte für Deutschland. Das Wachstum in China und Japan wird um 0,1 Prozentpunkte niedriger ausfallen.

Die Wachstumsprognose für die USA haben wir am deutlichsten gekürzt, und zwar um 0,4 Prozentpunkte. Unsere Neueinschätzung basiert aber nicht alleine auf dem Energiepreis-Schock, sondern auf zwei weiteren Argumenten. Zum einen zeigen die jüngsten US-Arbeitsmarktdaten, dass die Abschwächung aus dem Vorjahr weiter anhält. Zum anderen haben auch andere aktuelle US-Konjunkturdaten insgesamt enttäuscht und zeichnen das Bild einer geringeren Wachstumsdynamik. Unter dem Strich ergeben sich aus dem kriegsbedingten Energiepreis-Schock negative Wachstumseffekte für die Weltwirtschaft, die in unserem Basis-Szenario moderat ausfallen.

Auch wenn der Schock stagflationär wirkt, drohen weder eine Stagflation noch eine Rezession. Unser seit Monaten konstruktives Wachstumsbild für die Weltwirtschaft fällt immer noch positiv aus, aber etwas weniger positiv als vor Kriegsausbruch Ende Februar. 

Welche Auswirkungen erwarten wir auf die Inflation und die Geldpolitik?

Der Energiepreis-Schock führt in den kapitalmarktrelevanten Volkswirtschaften zu einer höheren Inflation. In unserem Basis-Szenario bleiben die Effekte auf die Kerninflation, die die Energiepreise unberücksichtigt lässt, begrenzt. Sowohl in den USA als auch im Euroraum wird die Kernrate der Inflation bis Jahresende um etwa 0,2 Prozentpunkte höher ausfallen als in einem Szenario ohne Krieg.

Wir gehen davon aus, dass die Zentralbanken ihre weitere Zinspolitik an den Entwicklungen der Kerninflation und nicht der Gesamtinflation ausrichten werden. In Anbetracht der geringen erwarteten Anstiege der Kerninflation gehen wir davon aus, dass die Zentralbanken über diesen temporären Inflationsanstieg hinweg sehen werden. Weder die Fed noch die EZB werden unserer Einschätzung nach eine starke zinspolitische Reaktion zeigen.

Bei der Fed gehen wir weiterhin von zwei Leitzinssenkungen in diesem Jahr aus. Auf den Sitzungen im September und Dezember erwarten wir Anpassungen in Höhe von jeweils 0,25 Prozentpunkten. Die EZB wird unserer Meinung nach eine ruhige Hand beweisen und ihren Leitzins bis Dezember unverändert auf dem derzeitigen Stand bei 2 % lassen.

Fazit

Behutsame Risikoreduktion bei konstruktivem Marktausblick

Bereits vor Ausbruch des Iran‑Konflikts hatten wir unser Aktienübergewicht auf neutral reduziert, da die Dynamik der internationalen Aktienmärkte spürbar nachgelassen hatte. Rückblickend hat sich gezeigt, dass diese Positionierung uns auch im aktuellen geopolitischen Umfeld gut abgesichert hat.

Weiterhin besteht jedoch ein Risiko wegen des Übergewichts in den Schwellenländern, das wir nun etwas zurückführen. Einige Länder insbesondere in Südostasien sind stark vom Öltransport durch die Straße von Hormus abhängig. Insgesamt erwarten wir jedoch weiterhin eine robuste wirtschaftliche Entwicklung in den Schwellenländern und bauen das Übergewicht daher nicht vollständig ab.

Die hohe Ölabhängigkeit einzelner Staaten führt kurzfristig zu erhöhten Kursrisiken, langfristig sehen wir jedoch weiterhin attraktive Perspektiven und solides Wachstumspotenzial.

Zudem beobachten wir die kurzfristige Dollaraufwertung sowie die relative Stabilität des US‑Aktienmarktes und passen unsere US‑Aktiengewichtung von untergewichtet auf neutral an. Damit steht dem verbleibenden Schwellenländer‑Übergewicht nun ein Untergewicht in Europa gegenüber.

Auf der Anleiheseite sehen wir dagegen aktuell keinen Handlungsbedarf und halten an unserem geringfügigen Untergewicht fest. Unsere Goldposition behalten wir ebenfalls bei.

Wir gehen davon aus, dass die kommenden Wochen volatil bleiben und sowohl Aktienkurse als auch Renditen deutlichen Schwankungen unterliegen werden. Darüber hinaus bleiben wir jedoch konstruktiv für die weitere Marktentwicklung. Unser Basis-Szenario unterstellt eine allmähliche Beruhigung der Lage und wird kontinuierlich überprüft. Sollte sich das Szenario bestätigen, stellen wir uns auf eine offensivere Positionierung auf der Aktien- sowie auch auf der Anleiheseite ein.

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