KI im Gesundheitssektor – Interview mit Prof. Dr. Iris Löw-Friedrich und Kai Brüning
KI im Gesundheitssektor – Der Praxistest hat gerade erst begonnen
Künstliche Intelligenz entwickelt sich zu einem wichtigen Faktor im Gesundheitssektor. Sie kann die Arzneimittelforschung beschleunigen, Entwicklungsrisiken reduzieren und neue Möglichkeiten in Diagnostik und Versorgung eröffnen. Doch noch müssen viele Erwartungen den Praxistest bestehen. Prof. Dr. Iris Löw-Friedrich, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von der Apo Asset Management GmbH (apoAsset), und Portfolio Manager Kai Brüning sprechen darüber, wo KI heute bereits einen Unterschied macht, welche Grenzen bleiben – und welche Chancen sich daraus für Anleger im Gesundheitssektor ergeben.
KI ist derzeit das dominierende Technologiethema. Gilt das auch für die Pharmaindustrie?
Löw-Friedrich: KI ist für die Pharmaindustrie eines von mehreren wichtigen Themen. Besonders relevant ist sie für die Erforschung und Entwicklung neuer Arzneimittel, was nach wie vor langwierig und mit hohen Risiken verbunden ist. Datenanalyse mittels KI kann dazu beitragen, Risiken zu reduzieren und Prozesse zu verkürzen. Entscheidend sind dabei große, qualitativ hochwertige Datensätze – ohne sie ist KI wenig hilfreich.
Gleichzeitig bleibt der Mensch der entscheidende Faktor. Er muss Datenkompetenz aufbauen, die Ergebnisse einordnen und Entscheidungen treffen. KI kann Informationen schneller verfügbar machen und Entscheidungen unterstützen, sie ersetzt aber nicht die menschliche Erfahrung.
Wo ist KI in der Arzneimittelentwicklung bereits Alltag?
Löw-Friedrich: In der Forschung werden Multi-Omics-Datensätze genutzt, um biologische Prozesse bei Krankheiten besser zu verstehen und mögliche neue Wirkmechanismen zu identifizieren. Auch beim Design neuer Wirkstoffe spielt KI eine Rolle: Vieles geschieht heute zunächst im Computer. Moleküle werden zunehmend computergestützt entworfen. Das ersetzt weder wissenschaftliche Experimente noch die reale Synthese, kann sie aber gezielter machen und dadurch Zeit, Kosten und Risiken reduzieren. Auch in der klinischen Entwicklung wird KI eingesetzt, etwa um Informationen aus früheren Studien auszuwerten und Studiendesigns zu optimieren. Hinzu kommen administrative Anwendungen wie die Dokumentenerstellung. Perspektivisch entlastet das den Menschen von Routinetätigkeiten und schafft mehr Raum für strategische Aufgaben und Entscheidungen.
Kann man eine KI heute schon fragen, wie ein Medikament wirken wird?
Löw-Friedrich: Ein allgemeines Sprachmodell wie ChatGPT kann das nicht leisten. Interessant ist Agentic AI: hoch spezialisierte Systeme für einzelne Anwendungsgebiete, die komplexere Aufgaben planen, mit anderen Systemen interagieren und gegebenenfalls auch Entscheidungen vorbereiten können. Diese Qualität der KI ist heute noch nicht breit im Einsatz, macht aber große Fortschritte.
Warum setzt die Pharmaindustrie so große Hoffnungen auf KI?
Löw-Friedrich: Im Wesentlichen aus drei Gründen: Entwicklungszeit, Risiko und Kosten. Vom Beginn der vorklinischen Entwicklung bis zur ersten Marktzulassung vergehen heute immer noch rund zehn Jahre. Die Hoffnung ist, diese Zeit mithilfe großer Datensätze und KI um etwa 30 Prozent zu reduzieren. Hinzu kommt das Entwicklungsrisiko. Von zehn Wirkstoffen, die nach einer bereits intensiven Vorauswahl in die klinische Entwicklung gehen, erreicht im Durchschnitt nur einer den Markt. Auch hier soll KI helfen, die Erfolgswahrscheinlichkeit zu verbessern. Der dritte Faktor sind die Kosten: Rechnet man Fehlschläge ein, kostet die Entwicklung eines neuen Medikaments heute ca. drei Milliarden Euro. Aufbau und Akquisition großer Datensätze sowie spezifischer KI-Systeme erfordern zunächst erhebliche Investitionen. Noch hat kein Unternehmen überzeugend nachgewiesen, dass KI die Produktivität oder Profitabilität in der Pharmaentwicklung substanziell erhöht – das sollte eine Frage der Zeit und der konsequenten Etablierung daten- und KI-gestützter Prozesse sein.
Kann KI dazu beitragen, Krankheiten besser zu behandeln, die bislang als unbesiegbar galten?
Löw-Friedrich: Davon gehe ich aus. Die Medizin hat schon vor dem breiten Einsatz von KI enorme Fortschritte gemacht. KI kann helfen, komplexes biologisches Wissen zusammenzuführen und zu integrieren: Wie funktionieren Gene und Proteine? Was passiert auf Zell- oder Gewebeebene? Zu vielen dieser Fragen existiert enormes Detailwissen, das bislang nicht vollständig integriert und analysiert ist. Genau hier liegt eine Stärke von KI: Sie kann große Datenmengen analysieren und Zusammenhänge erkennen, die einzelne Wissenschaftler bei der Literaturauswertung möglicherweise übersehen würden. Große Erwartungen bestehen etwa in der Onkologie, bei neurodegenerativen Erkrankungen und bei den rund 7.000 seltenen Erkrankungen, deren Mechanismen vielfach noch nicht ausreichend verstanden sind. Voraussetzung bleiben hochwertige Daten und erfahrene Wissenschaftler, die Hypothesen bewerten und experimentell überprüfen.
Welche Unternehmen sind bei KI im Gesundheitssektor Vorreiter?
Brüning: Das Feld ist sehr heterogen, und viele Unternehmen sind nicht börsennotiert. Bei Firmen, die KI von der Wirkstoffentwicklung bis in die klinische Prüfung einsetzen, gehört Recursion Pharmaceuticals zu den bekannteren Namen. Auch Schrödinger ist in diesem Bereich aktiv. Allerdings sind viele dieser Unternehmen noch weit von eigenen Marktzulassungen entfernt, und einzelne Projekte wurden bereits eingestellt. Die Versprechen sind vorhanden, der belastbare Nachweis steht vielfach noch aus.
Daneben gibt es Unternehmen, die als Zulieferer die klinische Entwicklung unterstützen und Modelle für die Datenauswertung bereitstellen, etwa Certara. Im Diagnostikbereich ist beispielsweise Tempus AI aktiv. Für Anleger gibt es damit verschiedene Ansatzpunkte. Die Bewertungen dieser Unternehmen schwankten in den vergangenen Jahren allerdings sehr.
Wie positionieren Sie sich als Investor?
Brüning: In sehr stark auf KI fokussierte Spezialunternehmen sind wir derzeit nicht investiert. Unsere Grundannahme ist, dass langfristig vor allem große Unternehmen mit tiefen Taschen von KI profitieren dürften. Sie verfügen über umfangreiche Datenbestände und die finanziellen Mittel, erfolgreiche KI-Modelle zu adaptieren oder die entsprechenden Anbieter zu übernehmen. In vielen dieser großen Gesundheitsunternehmen sind wir ohnehin investiert.
Gibt es bei Gesundheitsaktien bereits einen „KI-Aufschlag“ auf die Bewertung?
Brüning: Einen ausgeprägten KI-Aufschlag sehen wir im Pharmabereich derzeit nicht. Die KI-Rallye am breiten Aktienmarkt ist am Gesundheitssektor weitgehend vorbeigegangen. Bei spezialisierten Gesundheits-KI-Unternehmen gab es bereits vor einigen Jahren hohe Erwartungen und entsprechende Bewertungen, anschließend aber auch Rückschläge. Wirklich günstig sind viele Unternehmen angesichts der bislang begrenzten Erfolgsnachweise allerdings ebenfalls nicht.
Neben Medikamenten gewinnen digitale und vernetzte Therapien an Bedeutung. Was ist darunter zu verstehen?
Löw-Friedrich: Nachhaltige Gesundheit wird künftig immer weniger durch eine einzelne Maßnahme erreicht werden. Ein gutes Beispiel ist Adipositas. Zunächst stand die schnelle Gewichtsreduktion im Mittelpunkt. Langfristig geht es aber um Stoffwechselgesundheit. Dazu gehören Diagnostik, medikamentöse Unterstützung und eine nachhaltige Veränderung des Lebensstils. Technologie kann diese Komponenten verbinden, beispielsweise durch digitale Coaches, die Ernährung und Verhaltensänderungen unterstützen. Patientendaten und digitale Modelle können zudem helfen, Therapieansätze individuell für Patienten anzupassen. Die Zukunft liegt deshalb in Lösungen, die Medikamente, Diagnostik, Technologie und Betreuung kombinieren.
Werden die erfolgreichsten Gesundheitsunternehmen der Zukunft also Pharma-, Technologie- oder Medizintechnikunternehmen sein?
Brüning: Diese Trennung wird zunehmend schwieriger. In der Medizintechnik sehen wir bereits heute konkrete KI-Anwendungen, etwa in der bildgebenden Diagnostik. Algorithmen können Veränderungen erkennen, die für das menschliche Auge schwieriger wahrnehmbar sind. Davon profitieren Unternehmen, die leistungsfähige Modelle direkt in ihre Hardware und Systeme integrieren. In der Medikamentenentwicklung wird es länger dauern. KI wird klinische Studien am Menschen nicht ersetzen. Sie kann aber die Prozesse effizienter machen und dazu beitragen, aussichtsreichere Wirkstoffe gezielter auszuwählen. Insgesamt dürfte deshalb der Gesundheitssektor in seiner Breite von KI profitieren.
Löw-Friedrich: Dem stimme ich zu. Pharma und Medizintechnik verfügen jeweils über eigene Kompetenzen. Erfolgreich werden Unternehmen sein, die in ihrem Fachgebiet bedarfsgerechte Lösungen für Ärzte und Patienten entwickeln. Dafür müssen Pharma, Medizintechnik, Diagnostik und digitale Technologien stärker zusammenarbeiten. Ich sehe deshalb keinen einzelnen Gewinner, sondern eine Entwicklung hin zu einem stärker vernetzten Versorgungssystem.
Wo liegen für Anleger konkret die größten Chancen – und die größten Risiken?
Brüning: Der entscheidende Punkt ist Diversifikation. Auf einen einzelnen vermeintlichen KI-Gewinner zu setzen, halte ich für riskant. Gerade bei neuen Technologietrends entstehen regelmäßig hohe Erwartungen, die sich nicht immer erfüllen. Im Pharmabereich dürften langfristig große Unternehmen gute Chancen haben, weil sie erfolgreiche Technologien adaptieren oder entsprechende Spezialisten übernehmen können. In der Medizintechnik werden KI-Anwendungen wahrscheinlich früher wirtschaftlich sichtbar. Aber auch dort sehen wir einen zunehmenden Übernahmetrend. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Entscheidend ist deshalb eine fundierte Unternehmensauswahl statt einer pauschalen Wette auf das Label KI.
Was wird den Gesundheitsmarkt stärker prägen: neue Medikamente oder neue Technologien?
Löw-Friedrich: Die moderne Medizin betrachtet Gesundheit und Krankheit zunehmend systemisch. Statt einzelne Organe isoliert zu betrachten, geht es um das Zusammenspiel von Genen, Proteinen, Zellen und Geweben. Gesundheit ist ein dynamischer Zustand, der aus der Interaktion biologischer Systeme entsteht. Ähnlich sehe ich die technologische Entwicklung. Wir brauchen Fortschritte in einzelnen Disziplinen, aber die bessere Gesundheitsversorgung wird aus ihrem Zusammenspiel entstehen: aus Technologie, Medikamenten, Diagnostik und Versorgung. Dabei stellt sich immer wieder die Frage neu, welche Kombination bei welcher Erkrankung die richtige ist. Einen dauerhaften Vorrang nur einer Technologie halte ich für unwahrscheinlich.
Was bedeutet das abschließend für Anleger?
Brüning: Der KI-Boom, den wir in den vergangenen Jahren am Kapitalmarkt gesehen haben, ist am Gesundheitssektor weitgehend vorbeigegangen – obwohl KI dort bereits in vielen Bereichen eingesetzt wird und erhebliches Potenzial besitzt. Aus unserer Sicht kann der Gesundheitssektor deshalb auch eine diversifizierende Funktion im Portfolio übernehmen.
Löw-Friedrich: KI ist für die Pharmaindustrie eines von mehreren wichtigen Themen. Besonders relevant ist sie für die Erforschung und Entwicklung neuer Arzneimittel, was nach wie vor langwierig und mit hohen Risiken verbunden ist. Datenanalyse mittels KI kann dazu beitragen, Risiken zu reduzieren und Prozesse zu verkürzen. Entscheidend sind dabei große, qualitativ hochwertige Datensätze – ohne sie ist KI wenig hilfreich.
Gleichzeitig bleibt der Mensch der entscheidende Faktor. Er muss Datenkompetenz aufbauen, die Ergebnisse einordnen und Entscheidungen treffen. KI kann Informationen schneller verfügbar machen und Entscheidungen unterstützen, sie ersetzt aber nicht die menschliche Erfahrung.
Wo ist KI in der Arzneimittelentwicklung bereits Alltag?
Löw-Friedrich: In der Forschung werden Multi-Omics-Datensätze genutzt, um biologische Prozesse bei Krankheiten besser zu verstehen und mögliche neue Wirkmechanismen zu identifizieren. Auch beim Design neuer Wirkstoffe spielt KI eine Rolle: Vieles geschieht heute zunächst im Computer. Moleküle werden zunehmend computergestützt entworfen. Das ersetzt weder wissenschaftliche Experimente noch die reale Synthese, kann sie aber gezielter machen und dadurch Zeit, Kosten und Risiken reduzieren. Auch in der klinischen Entwicklung wird KI eingesetzt, etwa um Informationen aus früheren Studien auszuwerten und Studiendesigns zu optimieren. Hinzu kommen administrative Anwendungen wie die Dokumentenerstellung. Perspektivisch entlastet das den Menschen von Routinetätigkeiten und schafft mehr Raum für strategische Aufgaben und Entscheidungen.
Kann man eine KI heute schon fragen, wie ein Medikament wirken wird?
Löw-Friedrich: Ein allgemeines Sprachmodell wie ChatGPT kann das nicht leisten. Interessant ist Agentic AI: hoch spezialisierte Systeme für einzelne Anwendungsgebiete, die komplexere Aufgaben planen, mit anderen Systemen interagieren und gegebenenfalls auch Entscheidungen vorbereiten können. Diese Qualität der KI ist heute noch nicht breit im Einsatz, macht aber große Fortschritte.
Warum setzt die Pharmaindustrie so große Hoffnungen auf KI?
Löw-Friedrich: Im Wesentlichen aus drei Gründen: Entwicklungszeit, Risiko und Kosten. Vom Beginn der vorklinischen Entwicklung bis zur ersten Marktzulassung vergehen heute immer noch rund zehn Jahre. Die Hoffnung ist, diese Zeit mithilfe großer Datensätze und KI um etwa 30 Prozent zu reduzieren. Hinzu kommt das Entwicklungsrisiko. Von zehn Wirkstoffen, die nach einer bereits intensiven Vorauswahl in die klinische Entwicklung gehen, erreicht im Durchschnitt nur einer den Markt. Auch hier soll KI helfen, die Erfolgswahrscheinlichkeit zu verbessern. Der dritte Faktor sind die Kosten: Rechnet man Fehlschläge ein, kostet die Entwicklung eines neuen Medikaments heute ca. drei Milliarden Euro. Aufbau und Akquisition großer Datensätze sowie spezifischer KI-Systeme erfordern zunächst erhebliche Investitionen. Noch hat kein Unternehmen überzeugend nachgewiesen, dass KI die Produktivität oder Profitabilität in der Pharmaentwicklung substanziell erhöht – das sollte eine Frage der Zeit und der konsequenten Etablierung daten- und KI-gestützter Prozesse sein.
Kann KI dazu beitragen, Krankheiten besser zu behandeln, die bislang als unbesiegbar galten?
Löw-Friedrich: Davon gehe ich aus. Die Medizin hat schon vor dem breiten Einsatz von KI enorme Fortschritte gemacht. KI kann helfen, komplexes biologisches Wissen zusammenzuführen und zu integrieren: Wie funktionieren Gene und Proteine? Was passiert auf Zell- oder Gewebeebene? Zu vielen dieser Fragen existiert enormes Detailwissen, das bislang nicht vollständig integriert und analysiert ist. Genau hier liegt eine Stärke von KI: Sie kann große Datenmengen analysieren und Zusammenhänge erkennen, die einzelne Wissenschaftler bei der Literaturauswertung möglicherweise übersehen würden. Große Erwartungen bestehen etwa in der Onkologie, bei neurodegenerativen Erkrankungen und bei den rund 7.000 seltenen Erkrankungen, deren Mechanismen vielfach noch nicht ausreichend verstanden sind. Voraussetzung bleiben hochwertige Daten und erfahrene Wissenschaftler, die Hypothesen bewerten und experimentell überprüfen.
Welche Unternehmen sind bei KI im Gesundheitssektor Vorreiter?
Brüning: Das Feld ist sehr heterogen, und viele Unternehmen sind nicht börsennotiert. Bei Firmen, die KI von der Wirkstoffentwicklung bis in die klinische Prüfung einsetzen, gehört Recursion Pharmaceuticals zu den bekannteren Namen. Auch Schrödinger ist in diesem Bereich aktiv. Allerdings sind viele dieser Unternehmen noch weit von eigenen Marktzulassungen entfernt, und einzelne Projekte wurden bereits eingestellt. Die Versprechen sind vorhanden, der belastbare Nachweis steht vielfach noch aus.
Daneben gibt es Unternehmen, die als Zulieferer die klinische Entwicklung unterstützen und Modelle für die Datenauswertung bereitstellen, etwa Certara. Im Diagnostikbereich ist beispielsweise Tempus AI aktiv. Für Anleger gibt es damit verschiedene Ansatzpunkte. Die Bewertungen dieser Unternehmen schwankten in den vergangenen Jahren allerdings sehr.
Wie positionieren Sie sich als Investor?
Brüning: In sehr stark auf KI fokussierte Spezialunternehmen sind wir derzeit nicht investiert. Unsere Grundannahme ist, dass langfristig vor allem große Unternehmen mit tiefen Taschen von KI profitieren dürften. Sie verfügen über umfangreiche Datenbestände und die finanziellen Mittel, erfolgreiche KI-Modelle zu adaptieren oder die entsprechenden Anbieter zu übernehmen. In vielen dieser großen Gesundheitsunternehmen sind wir ohnehin investiert.
Gibt es bei Gesundheitsaktien bereits einen „KI-Aufschlag“ auf die Bewertung?
Brüning: Einen ausgeprägten KI-Aufschlag sehen wir im Pharmabereich derzeit nicht. Die KI-Rallye am breiten Aktienmarkt ist am Gesundheitssektor weitgehend vorbeigegangen. Bei spezialisierten Gesundheits-KI-Unternehmen gab es bereits vor einigen Jahren hohe Erwartungen und entsprechende Bewertungen, anschließend aber auch Rückschläge. Wirklich günstig sind viele Unternehmen angesichts der bislang begrenzten Erfolgsnachweise allerdings ebenfalls nicht.
Neben Medikamenten gewinnen digitale und vernetzte Therapien an Bedeutung. Was ist darunter zu verstehen?
Löw-Friedrich: Nachhaltige Gesundheit wird künftig immer weniger durch eine einzelne Maßnahme erreicht werden. Ein gutes Beispiel ist Adipositas. Zunächst stand die schnelle Gewichtsreduktion im Mittelpunkt. Langfristig geht es aber um Stoffwechselgesundheit. Dazu gehören Diagnostik, medikamentöse Unterstützung und eine nachhaltige Veränderung des Lebensstils. Technologie kann diese Komponenten verbinden, beispielsweise durch digitale Coaches, die Ernährung und Verhaltensänderungen unterstützen. Patientendaten und digitale Modelle können zudem helfen, Therapieansätze individuell für Patienten anzupassen. Die Zukunft liegt deshalb in Lösungen, die Medikamente, Diagnostik, Technologie und Betreuung kombinieren.
Werden die erfolgreichsten Gesundheitsunternehmen der Zukunft also Pharma-, Technologie- oder Medizintechnikunternehmen sein?
Brüning: Diese Trennung wird zunehmend schwieriger. In der Medizintechnik sehen wir bereits heute konkrete KI-Anwendungen, etwa in der bildgebenden Diagnostik. Algorithmen können Veränderungen erkennen, die für das menschliche Auge schwieriger wahrnehmbar sind. Davon profitieren Unternehmen, die leistungsfähige Modelle direkt in ihre Hardware und Systeme integrieren. In der Medikamentenentwicklung wird es länger dauern. KI wird klinische Studien am Menschen nicht ersetzen. Sie kann aber die Prozesse effizienter machen und dazu beitragen, aussichtsreichere Wirkstoffe gezielter auszuwählen. Insgesamt dürfte deshalb der Gesundheitssektor in seiner Breite von KI profitieren.
Löw-Friedrich: Dem stimme ich zu. Pharma und Medizintechnik verfügen jeweils über eigene Kompetenzen. Erfolgreich werden Unternehmen sein, die in ihrem Fachgebiet bedarfsgerechte Lösungen für Ärzte und Patienten entwickeln. Dafür müssen Pharma, Medizintechnik, Diagnostik und digitale Technologien stärker zusammenarbeiten. Ich sehe deshalb keinen einzelnen Gewinner, sondern eine Entwicklung hin zu einem stärker vernetzten Versorgungssystem.
Wo liegen für Anleger konkret die größten Chancen – und die größten Risiken?
Brüning: Der entscheidende Punkt ist Diversifikation. Auf einen einzelnen vermeintlichen KI-Gewinner zu setzen, halte ich für riskant. Gerade bei neuen Technologietrends entstehen regelmäßig hohe Erwartungen, die sich nicht immer erfüllen. Im Pharmabereich dürften langfristig große Unternehmen gute Chancen haben, weil sie erfolgreiche Technologien adaptieren oder entsprechende Spezialisten übernehmen können. In der Medizintechnik werden KI-Anwendungen wahrscheinlich früher wirtschaftlich sichtbar. Aber auch dort sehen wir einen zunehmenden Übernahmetrend. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Entscheidend ist deshalb eine fundierte Unternehmensauswahl statt einer pauschalen Wette auf das Label KI.
Was wird den Gesundheitsmarkt stärker prägen: neue Medikamente oder neue Technologien?
Löw-Friedrich: Die moderne Medizin betrachtet Gesundheit und Krankheit zunehmend systemisch. Statt einzelne Organe isoliert zu betrachten, geht es um das Zusammenspiel von Genen, Proteinen, Zellen und Geweben. Gesundheit ist ein dynamischer Zustand, der aus der Interaktion biologischer Systeme entsteht. Ähnlich sehe ich die technologische Entwicklung. Wir brauchen Fortschritte in einzelnen Disziplinen, aber die bessere Gesundheitsversorgung wird aus ihrem Zusammenspiel entstehen: aus Technologie, Medikamenten, Diagnostik und Versorgung. Dabei stellt sich immer wieder die Frage neu, welche Kombination bei welcher Erkrankung die richtige ist. Einen dauerhaften Vorrang nur einer Technologie halte ich für unwahrscheinlich.
Was bedeutet das abschließend für Anleger?
Brüning: Der KI-Boom, den wir in den vergangenen Jahren am Kapitalmarkt gesehen haben, ist am Gesundheitssektor weitgehend vorbeigegangen – obwohl KI dort bereits in vielen Bereichen eingesetzt wird und erhebliches Potenzial besitzt. Aus unserer Sicht kann der Gesundheitssektor deshalb auch eine diversifizierende Funktion im Portfolio übernehmen.