Existenzgründungsanalyse 2011: Hausärztemangel nimmt zu

Düsseldorf, 11.12.2012

Der Hausärztemangel wird sich weiter verstärken. Gleichzeitig sind über alle Fachgruppen hinweg nur wenige Ärzte bereit, sich in ländlichen Regionen niederzulassen - viele drängt es in die Großstadt. Das belegt die gemeinsam von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank) und dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) durchgeführte Existenzgründungsanalyse für Ärzte 2011.

Zu wenige Hausärzte gehen in die Selbständigkeit

Unter den Ärzten nimmt die Bereitschaft ab, sich in einer hausärztlichen Praxis niederzulassen. Obwohl deutlich mehr als 40 Prozent der Vertragsärzte als Hausärzte tätig sind (West: 44,9 Prozent; Ost: 46,4 Prozent), sind es unter den Existenzgründern nur 27,7 bzw. 30,3 Prozent. Das belegt die gemeinsame Existenzgründungsanalyse für Ärzte von apoBank und ZI. Georg Heßbrügge, Bereichsleiter Gesundheitsmärkte und -politik bei der apoBank, zeigt sich aufgrund der Ergebnisse alarmiert: "Es rücken nicht genügend Hausärzte nach. Die Schere geht immer weiter auseinander - besonders im Osten. Darin sehen wir eine Gefahr für die wohnortnahe Versorgung."

Moderate Investitionsvolumina für Hausärzte

Gleichzeitig verharren die Investitionsvolumina für eine hausärztliche Praxis auf moderatem Niveau: So mussten Hausärzte in den alten Bundesländern für die Überführung einer Einzelpraxis in eine Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) im Schnitt 116.000 Euro (inkl. Betriebsmittelkredit) investieren. Der Beitritt in eine BAG als zusätzlicher Partner schlug mit 131.000 Euro zu Buche; der Einstieg in eine BAG (Austausch von Praxisinhabern) mit 139.000 Euro. Wer mit mehreren Hausärzten gemeinsam eine BAG übernehmen wollte, musste pro Arzt 148.000 Euro einkalkulieren. Die teuerste Form der Existenzgründung war in den alten Bundesländern mit 161.000 Euro die Übernahme einer Einzelpraxis. In den neuen Bundesländern lag das Investitionsvolumen für eine Einzelpraxisübernahme bei 121.000 Euro. "Die Zahlen zeigen, dass das vermeintliche finanzielle Risiko einer Existenzgründung überschaubar ist. Der Grund, warum sich immer weniger Hausärzte niederlassen ist also nicht hier zu suchen, sondern in den generellen Rahmenbedingungen", so Heßbrügge.

Über alle Fachgruppen hinweg: Kooperationen erfahren Zuspruch

Aus der Existenzgründungsanalyse geht weiter hervor, dass immer mehr Ärzte in die Kooperation gehen. Bundesweit entschied sich über alle Fachgruppen hinweg fast jeder Zweite für die kooperative Berufsausübung (49,4 Prozent). Im Westen lag der Anteil bei 53,2 Prozent; im Osten bei 30,0 Prozent. "Im Westen sind Kooperationen stärker verwurzelt. Aber der Osten holt auf. Innerhalb von nur einem Jahr ist der Anteil von 25 auf 30 Prozent gestiegen", so Dr. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des ZI.

Kooperationen im Fokus: Ein Stadtmodell für junge Ärzte

Kooperationen liegen insbesondere bei jungen Ärzten im Trend. So haben sich im Westen 56,9 Prozent der Ärzte bis einschließlich 40 Jahre in einer Kooperation niedergelassen; das sind 12,8 Prozentpunkte mehr als bei der Gruppe 45+. Ähnlich, aber weniger stark ausgeprägt, verhält es sich im Osten: Hier entschieden sich 31,7 Prozent der Ärzte bis 40 Jahre für die Kooperation; bei den älteren Kollegen waren es 25,7 Prozent.

Gleichzeitig sind Kooperationen vor allem in städtischen Gebieten beliebt: Während im Westen 54,8 Prozent der Großstadt-Ärzte in eine Kooperation gingen, waren es auf dem Land nur 41,3 Prozent. Im Osten war die Einzelpraxis in der Stadt und auf dem Land die vorherrschende Existenzgründungsform. Dennoch kamen Kooperationen auch hier eher in Großstädten zum Tragen (38,8 Prozent) als in kleinstädtischen/ländlichen Gebieten (20,6 Prozent).

"Die Kooperation steht für Flexibilität, fachlichen Austausch und Synergien - genau das suchen viele junge Ärzte. Derzeit scheinen sie die besten Voraussetzungen hierfür in städtischen Gebieten zu finden", unterstreicht Dr. Graf von Stillfried.

Niederlassungsbereitschaft: Großstadt zieht Ärzte an

Insgesamt hat sich im Betrachtungszeitraum mehr als jeder zweite Arzt in den alten Bundesländern in einer Großstadt selbständig gemacht (51,2 Prozent). Auf dem Land war es etwa jeder Fünfzigste (2,3 Prozent). Auch in den neuen Bundesländern lag die Großstadt in der Gunst der Ärzte vorne (38,8 Prozent). Für eine Praxis auf dem Land entschieden sich hingegen nur 3,0 Prozent.

Unterschiede zeigen sich zwischen Fachärzten und Hausärzten. Da Fachärzte die notwendige Patientenzahl vor allem in Großstädten vorfinden, ließen sie sich hier am häufigsten nieder (West: 55,7 Prozent; Ost: 42,1 Prozent). Bei den Hausärzten war die Präferenz für die Großstadt weniger stark (West: 39,5 Prozent; Ost: 34,1 Prozent).

Trend zur Feminisierung: Work-Life-Balance geht alle an

Die Analyse dokumentiert zudem, dass Frauen der Selbständigkeit offen gegenüber stehen. Im Westen stellten sie 45 Prozent der Existenzgründer; im Osten 61,7 Prozent. Die Tendenz ist steigend. "Die große Herausforderung liegt darin, die ambulante wohnortnahe Versorgung in Zukunft sicherzustellen. Aber es ist vermessen, diese aufkommenden Strukturprobleme in der Versorgung, allein darauf zu schieben, dass sich der Berufsstand feminisiert. Ärztinnen nehmen die Herausforderung Selbständigkeit genauso an wie ihre männlichen Kollegen", stellt Heßbrügge klar und betont: "Die jungen Ärzte müssen wieder Lust bekommen, sich selbständig zu machen. Dazu müssen insbesondere Strukturen her, mit denen sie Familie und Beruf in Einklang bringen können. Mit anderen Worten: Die Niederlassung an sich muss wieder attraktiver werden - und zwar für Männer und Frauen gleichermaßen."

Methodik

Die Datenbasis der Existenzgründungsanalyse 2011 bilden die von der apoBank durchgeführten und auswertbaren Finanzierungen ärztlicher Existenzgründungen in den Jahren 2010/2011. Diese werden seit 1984 erfasst und anonymisiert ausgewertet. Die statistische Auswertung wurde gemeinsam von der apoBank und dem ZI durchgeführt.