Restrukturierung der Versorgung – Was sind Treiber und Modelle?

Die ambulante und stationäre Versorgung verändert sich: Patienten, die mit einer gefühlten Überweisung von Dr. Google die Praxis betreten. Ärzte, die ihren Beruf möglichst flexibel ausüben möchten oder mit den digitalen Möglichkeiten praktisch mobil arbeiten können. Kammern und Krankenhäuser, die Wege suchen, mit wenigen Fachkräfte eine qualitativ hochwertige Versorgung zu gewährleisten.

Die Ansprüche an die Akteure im Gesundheitsmarkt unterliegen einem enormen Wandel. Und sie verändern die Strukturen, in denen Versorgung gefragt und angeboten wird. Welche das sind und wie sie im Markt ankommen, haben wir auf dem Europäischen Gesundheitskongress 2018 aus unterschiedlichen Perspektiven beobachtet.

Einzelpraxis oder MVZ – Wo findet Versorgung statt?

Foto: WISO/Wolf

Ärzte üben ihren Beruf heute oftmals als Angestellte aus. Dies hat Auswirkungen hinsichtlich Bedarfsplanung, Ärztemangel, Studienplätzen und der Steuerung von Patienten.

Keiner da: Was muss für die Fachkräfte getan werden?

Der Fachkräftemangel in der medizinischen Versorgung wird immer dramatischer. Können Leistungen nicht oder nur verspätet erbracht werden, ist die Existenz der Einrichtung gefährdet. Sichtbar wird die Situation bei einem Blick auf die Stellenangebote für Ärzte: Während Anfang September im Deutschen Ärzteblatt auf 93 Seiten 924 Stellenangebote geschaltet waren, gab es nur vier Seiten mit 32 Gesuchen.

Der Mangel betrifft alle Arbeitsbereiche

Auf dem europäischen Gesundheitskongress wurden Beispiele geschildert, die zeigten, dass die Verfügbarkeit von Personal mit den benötigten Qualifikationen immer mehr zum limitierenden Faktor in der Versorgung wird. Dies gilt sowohl für den Ärztlichen Dienst als auch den Medizinisch Technischen Dienst. Die Auswirkungen in der Pflege sind bekannt und werden durch die geplanten Personaluntergrenzen noch verstärkt. Die Konsequenz ist, dass ganze Betriebsteile oder Abteilungen ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Bei den Beispielen war teilweise die 24-Stunden-Herzkatheterbereitschaft gefährdet, in der Gastroenterologie wurde nur noch ein eingeschränktes Leistungsspektrum angeboten. Ist der Facharzthintergrunddienst nicht mehr gewährleistet, muss das Krankenhaus abgemeldet werden. Die Patientenversorgung ist nicht mehr gegeben.

Ausgleichsmöglichkeiten

Um den Notstand im ärztlichen Dienst auszugleichen, kann der Betrieb nur mit Ärzten aus der Arbeitnehmerüberlassung gewährleistet werden. Damit verbunden sind zusätzliche Personalkosten, die vielfach oberhalb des Tariflohns liegen. In der Pflege kommt es häufig dazu, dass Mitarbeiter zusätzliche Schichten übernehmen müssen, um Bereiche wie die zentrale Notaufnahme, die Intensivstation oder OP Leistungen zu erbringen. Dies führt zu einer hohen Unzufriedenheit bei den Mitarbeitern, der Krankenstand nimmt deutlich zu. Die zusätzlichen Kosten für die Personalbeschaffung oder Arbeitnehmerüberlassungen sind enorm. Mit Blick auf die Altersstruktur in der Mitarbeiterschaft wird der demografischen Wandel die Situation weiter verschärfen.

Neue Strategien gefordert

Das Management ist gefordert, neue Strategien zu entwickeln. Die Rekrutierung von Ärzten aus dem Ausland erweist sich als dabei als schwierig. Auf eine Arztstelle erhalten Kliniken vielfach 200 Bewerbungen. Über 80 Prozent kommen aus dem Ausland, davon wiederum über 80 Prozent aus der Nicht-EU. Neben fehlenden Sprachkompetenzen stellen die zu erbringenden Nachweise eine hohe Hürde dar.

Die für die Anerkennung zuständigen Landesprüfungsämter müssen lange recherchieren und fordern häufig Belege nach. Zudem werden nur Assistenzärzte anerkannt, da der Facharztstandard im Ausland nicht gegeben ist.

Um dem zu entgehen, arbeiten viele Kliniken bereits mit ausländischen Universitäten zusammen, um frühzeitig eine Bindung zu Studenten herzustellen. In der Kardiologie bereits bekannt, wird empfohlen, neue Berufsbilder wie Gefäßassistenten und Physician Assistent einzuführen.

Darüber hinaus gewinnen immer mehr „weiche Faktoren“ an Bedeutung. Die Entwicklung einer neuen Führungskultur, die Umstellung der klassischen Personalverwaltung hin zu Personalmanagement und - entwicklung können dazu beitragen, Mitarbeiter stärker zu binden. Aber auch das betriebliche Gesundheitsmanagement ist vor allem für junge Bewerber ein wichtiger Punkt, ob sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden.

Digital first?

Beispiele aus der ambulanten Praxis

Expertenschätzungen zufolge könnte die Digitalisierung bis zu 25 Prozent der Patientenkontakte ersetzen. Ein Einsparpotenzial, das dem Zeitbudget der Ärzte zugute kommen würde. Moderatorin Jessica Hanneken, Abteilungsdirektorin im Bereich Gesundheitsmärkte und -politik der apoBank, diskutierte konkrete Anwendungen für den ambulanten Sektor.

Der Nutzen der Digitalisierung zeigt sich im Kontakt zwischen Arzt und Patienten. Wir blicken mit Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg auf die weitere Entwicklung.

Foto: Ärztliche Pressestelle, Landesärztekammer Baden-Württemberg

Beispiele aus dem stationären Sektor

KPMG stellt in seinem aktuellen Report dar, dass Kliniken noch nicht in die richtigen Themen investieren. Umso interessanter waren die auf dem Kongress referierten Beispiele aus der stationären Praxis, bei denen Häuser konkrete Erfahrung mit neuen Techniken machen. Hierzu zählten u.a. Telekonsile, die in Kooperation mit weiteren Leistungserbringern aus anderen Sektoren erfolgen. In Erprobung, auch in der Notaufnahme, ist ein System bei dem Patienten ihre Anforderungen über ein Tablet eingeben. Bei dieser digitalen Erfassung der Erstdaten ergibt sich als Zusatznutzen, das Wartezeiten überbrückt werden. Weitere Beispiele zeigten, wie bürokratische Anforderungen mit Hilfe digitaler Prozesse reduziert werden können.

Mitarbeitern die Ängste zu nehmen und sie bei der Weiterentwicklung einzubinden, war aus Sicht vieler Referenten ein wichtiger Aspekt. Die neuen Anforderungsprofile dürfen nicht zu Überforderung führen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels gelte es mit Weiterbildung - bei jung und alt - zu unterstützen und den Nutzen der neuen Anwendungen zu vermitteln. Die möglichen Erweiterungen der Geschäftsmodelle werden die Häuser in unterschiedlicher Weise herausfordern. Der Wille, die Chancen zu nutzen, war der Mehrzahl der Diskutanten gemein. Gleichwohl unterscheiden sich die individuellen Möglichkeiten, sowohl finanziell auch auf bei der Gestaltung der eigenen Wertschöpfungskette.

Krankenhausversorgung der Zukunft

Wie die künftige stationäre Gesundheitsversorgung aussehen könnte, war ein weiterer Schwerpunkte auf dem Europäischen Gesundheitskongress 2018. Experten verschiedener Einrichtungen diskutierten medizinische Möglichkeiten und finanzielle Grenzen.

Wo steht die Politik?

Foto: WISO/Wolf

Dr. Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter für Digitalisierung und Innovation beim Bundesministerium für Gesundheit, betonte, dass sein Ministerium sich aktiv für die Implementierung neuer Lösungen einsetzen will. Es gehe nicht darum, die Digitalisierung zu ertragen, vielmehr sollen die Möglichkeiten gestaltet und zu einem Bestandteil des Gesundheitswesens gemacht werden.

Ludewig sieht den Gesetzgeber bei den künftigen Entwicklungen stark gefordert. Er zeigte sich überzeugt, dass die Digitalisierung dazu beitragen wird, die Gesundheit der Patienten und die Abläufe in den Sektoren zu verbessern. U.a. nannte er diese Themenfelder als wesentlich:

  • Marktzugang: Digitale Angebote sollen ihren Weg in die Regelversorgung finden - nicht nur über Selektivverträge.
  • Für telemedizinische Anwendungen gilt es, finanzielle und regulative Wege zu finden.
  • Die Telematikinfrastruktur bleibt der Kern und der Weg muss mit der elektronischen Patientenakte und interoperablen Schnittstellen weiter gegangen werden.
  • Bei der Datennutzung muss der Patient Herr seiner Daten bleiben.

Bei der strategischen Weiterentwicklung setzt er auf klare Verantwortlichkeiten. Anstelle von hundertprozentig perfekten Lösung auf dem Papier will er mit kleinen Schritten nach vorne gehen. Weiterhin sollten funktionierende internationale Standards übernommen werden können.