Capitation - eine Alternative in der Versorgung?

Die hohe Qualität unserer medizinischen Versorgung ist nicht frei von Zwängen: Den vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten steht die Bezahlbarkeit der Leistungen entgegen. Um medizinische Innovationen vor dem Hintergrund wachsender ökonomischer und wettbewerblicher Einflussfaktoren zu ermöglichen, haben sich Kooperation und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Marktakteure durchaus bewährt. Ziel solcher Kooperationen ist es, den medizinischen Nutzen mit dem wirtschaftlichen zu verbinden. Idealerweise entstehen durch diese Systempartnerschaften Einsparpotenziale, die zur Refinanzierung genutzt werden können.

Im Rahmen innovativer Versorgungskonzepte sind u.a. sogenannte Capitation-Vereinbarungen zur Vergütung möglich. Diese kommen beispielsweise in der Schweiz zum Tragen. Bei diesem System werden die Leistungserbringer im Voraus und unabhängig von der tatsächlichen Inanspruchnahme mittels Pauschalen für ihre Patienten vergütet. Je erfolgreicher die Patienten behandelt werden, desto höher der Patientennutzen bzw. das mögliche Einspar- und  Investitionspotenzial.

Expertenmeinung

Ob und wie Capitation mit neuen Formen der Systempartnerschaften das deutsche Gesundheitswesen erreichen kann, wurde auf dem Hauptstadtkongress 2017 diskutiert. Ist das tatsächlich eine Alternative zu aktuellem Finanzierungsmodell? - Danach fragten wir Apotheker Dr. h. c. Helmut Hildebrandt, Vorstandsvorsitzender der OptiMedis AG

Ausblick

Drei Fragen an Jessica Hanneken, Prokuristin im Bereich Gesundheitsmärkte und –politik der apoBank:

Capitation verspricht neue Lösungen für die Vergütung von Gesundheitsleistungen, liegt hier wirklich Potenzial brach?

Grundsätzlich ja. Wir alle wissen, dass wir uns Doppelversorgung nicht leisten können und sollten. Mit Blick auf die demografische Entwicklung in unserem Land, den technologischen Wandel und die steigenden Kosten für die Gesundheitsversorgung wird es zunehmend wichtig alternative Versorgungs- und Vergütungsmodelle konsequent weiterzudenken. Das Prinzip Capitation kann hierfür durchaus innovative Ansätze liefern, wie die Erfahrungen in anderen Ländern bereits zeigen.

Hinzu kommt, dass verschiedene Gesundheitsanbieter derzeit von unserem System quasi abgekoppelt sind. Und dass, obwohl sie in den Lebenswelten der Versicherten sehr präsent sind. Nehmen wir beispielsweise Produkte und Service für die Versorgung für Diabetespatienten. Wir haben also auch bei Volkskrankheiten Systempartner, die mit ihren Innovationen außerhalb der Regelversorgung laufen.

Wo liegt der Kernnutzen dieses Vergütungsmodells?

Mit Blick auf den Patienten liegt ein Vorteil dieser Systematik sicher darin, dass die Prävention stärker berücksichtigt werden kann als es mit unserem gegenwärtigen System möglich ist.

Gleichzeitig wissen wir, dass unser Gesundheitssystem hinsichtlich Innovationen zu starr ist. Heute dauert es zum Teil Jahre, bis Verbesserungen in der Regelversorgung aufgenommen werden können. Damit wir uns stärker am Nutzen für den Patienten orientieren können, müssen wir Wege finden, wie diese schneller in unser System kommen können. Das heißt natürlich auch, dass wir über neue Versorgungs- und Vergütungsformen nachdenken müssen.

Wie können diese Vergütungsmodelle Eingang in das deutsche Gesundheitswesen finden?

Aus meiner Sicht gilt es zunächst ein Bewusstsein für die Thematik und dazu Plattformen für den aktiven Austausch zu schaffen. Wenngleich die Politik schon in diese Richtung denkt, kann sie letztlich doch nur die Rahmenbedingungen schaffen. Zunächst braucht es ein gemeinsames Bild bei den Akteuren des Gesundheitswesens. Der Wunsch nach Verbesserung ist ja in weiten Teilen durchaus spürbar. Jetzt geht es darum, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln und neue Wege zu denken. Eine solche Veränderung muss auch nicht „der große Wurf“ sein. Vielmehr braucht es „trail and error“. Wenn wir alles vorher im Detail aushandeln, bleiben wir in einem sehr behäbigen System mit falschen Anreizen, die nur langsam nachjustiert werden können. Konkret sehe ich beispielsweise Selektivverträge mit Modellen, die mehr Tempo ermöglichen. Hier muss dann sehr genau beobachtet werden, was funktioniert und was nicht.

Bildergalerie

Über die Ausprägungen, die Capitation bereits heute im Gesundheitssystem hat, und mögliche  Lösungen für die Zukunft diskutierten auf dem Hauptstadtkongress 2017: